
Söhne sind in der Antike, wie sich in der Legende um Troja mancherorts zeigt, wichtiger als Töchter. Sie sind die rechtmässigen Herrscher über das Reich ihres Vaters und beauftragt, ihr Erbe bei Abwesenheit des Vaters zu bewahren und zu verteidigen – oft vor ihren eigenen Müttern, die ja vielleicht so untreu sein könnten, sich einen neuen Mann zu nehmen.
In der Odyssee sieht man das zum Beispiel dort, wo sich Odysseus seinem Sohn zu erkenne gibt. Odysseus geht sofort davon aus, dass dieser wohl vertrauenswürdiger sei als seine Frau, die er schon seit Jahren kennt - das, obwohl Telemach von seinem Vater verlassen wurde, als er ein Säugling war, und eigentlich keinen Grund hat, ihm zu trauen oder ihm überhaupt zu folgen, er wuchs schliesslich ohne Vater auf, weil dieser wegen seines selbstsüchtigen Ehrgeizes in den Krieg zog. Seiner Frau, die jahrelang auf ihn wartete, gibt sich Odysseus erst ganz am Schluss zu erkennen, als ob sie nicht wichtig oder vertrauenswürdig genug wäre um informiert zu werden, wie er selbst sagt:
"(...) nicht einmal Penelope darf wissen, dass ich zurückgekehrt bin. Auf diese Weise erfahren wir auch gleich, wer uns treu ergeben ist und wer nicht" (s. 128, z. 8-10)
Diese Wertvorstellung wird in der ganzen Sage als Norm angesehen und nie hinterfragt. Söhne sind wichtiger als Töchter, Frauen kann man nicht vertrauen. Das sieht man auch daran, dass es den Freiern so wichtig ist, Telemach umzubringen, da er der «wahre» Erbe des Thrones ist und dem neuen König von Ithaka das Erbe streitig machen könnte. Seine Herkunft und sein Geschlecht legitimieren seine Herrschaftsansprüche und das Volk erkennt ihn an, weil die ganze Gesellschaft auf dieser patriarchalen Linie basiert und an sie glaubt.
Im Radiogespräch über «die Wahrheit über Eva» wird dieses Erbsystem – von Vater zum Sohn – auf die neolithische Revolution und die Entstehung des Besitztums zurückgeführt. Sobald man etwas besass, musste man es erstens verteidigen und zweitens vererben. Um es zu verteidigen, braucht man eine treue Gefolgschaft, und das sind vor allem die eigenen Kinder oder Verwandten. Und Söhne können mehr Kinder kriegen, da sie sie nicht selbst austragen. Also sollte man sein Erbe möglichst einem Sohn vermachen, der dann seinerseits wieder viele Nachkommen zeugen kann. Söhne gewannen dadurch an gesellschaftlichem Wert, während die Vater-Sohn-Beziehung wichtiger wurde, also basierte das Vertrauen nicht auf wie gut man die Person kennt, sondern auf deren
Das Wesentliche dieses patriarchalen Systems, das im alten Griechenland vorherrschte, ist, dass das Erbe erstens immer dem Mann gehört und zweitens auch immer im Besitz eines Mannes bleibt. Wenn Penelope erneut geheiratet hätte, würden Odysseus' Besitztümer und die Herrschaftsansprüche an ihren neuen Mann übergehen, nicht an sie, deshalb ist sie auch so begehrt. Ich kritisiere dieses ganze Erbsystem stark, da es auf einem misogynen Weltbild basiert und somit auch nur in einer misogynen Gesellschaft funktionieren kann. Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der solche Weltvorstellungen weitgehend als falsch betrachtet werden, denn das sind sie. Frauen sind weder historisch noch intellektuell Männern unterlegen; die Ungleichheit entstand, wie angedeutet, erst mit der Sesshaftigkeit, davor waren Frauen und Männer eigentlich gleichgestellt. Es gibt auch keine übernatürliche Macht, die Ungleichheit legitimiert, selbst wenn Religion oft dazu missbraucht wurde.